Texte · 2026-09-01 · Essay

Über die Geschichte des chinesischen Materialismus

Etwas, das ich in Sydney geschrieben habe. Ich finde es ziemlich gelungen, also muss es raus.

Etwas, das ich in Sydney geschrieben habe. Ich finde es ziemlich gelungen, also muss es raus.

Vorbemerkung: Den Titel habe ich erst später hinzugefügt. Beim Anblick des Titels habe ich noch etwas zu sagen, und sei es nur, um die Wortzahl aufzufüllen, damit es hübsch aussieht. Als ich gerade in die Mittelschule gekommen war und lernte, Erörterungen zu schreiben, setzte ich, was ich damals schrieb, habe ich vergessen, gleich einen Titel wie „Über dies und das“ darüber. Der Lehrer stellte sofort klar, wer hier das Sagen hat: Solche Titel waren verboten. „Über“ sei für später aufzuheben, wenn wir Abschlussarbeiten schreiben; vorerst müssten wir uns mit Titeln wie „Einige Bemerkungen zu dies und das“ oder „Plaudern wir über dies und das“ behelfen. Heute bin ich ein freier Vogel, ein einsamer Kranich unter ziehenden Wolken; zumindest schreibt mir bei chinesischen Texten niemand mehr etwas vor. Also gönne ich mir erst einmal diesen Titel, bei dem man meinen könnte, es handle sich um eine philosophische Abhandlung.

Vorweg gesagt: Eigentlich schreibe ich überhaupt nicht gern. Ich schreibe nur, weil ich nichts Besseres zu tun habe.

Seit der dritten Klasse der Grundschule schreibe ich Erlebnisaufsätze von 500 Schriftzeichen. Ich erinnere mich, dass ich damals einen Reisebericht mit dem Titel „Ein Besuch im Garten des bescheidenen Beamten“ schrieb und irgendwie, ohne recht zu wissen wie, die beste Note der Klasse bekam. Theoretisch ist ein guter Anfang gleich oder ungefähr gleich der halbe Erfolg; seit damals habe ich aber pro Jahr nur noch weniger als oder gleich einen guten Aufsatz zustande gebracht. Ich hasste diese Erlebnisaufsätze. Wenn ich etwas Aufregendes erlebt habe, schreibe ich ganz von selbst darüber, um mich Jahre später daran zu erinnern. Die Schulaufsätze dagegen verlangten von mir, über „ein unvergessliches Erlebnis“, „ein aufwühlendes Erlebnis“ oder „mein schönstes Erlebnis“ zu schreiben, ausgerechnet dann, wenn mein Leben ganz ruhig dahinlief. Und nicht nur das: originell sollte es sein, ideologisch gesund und so weiter. Als wir es in der Kunst, Unsinn zu reden, zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatten, fing ich an, Erörterungen zu lernen. Dem Wort nach heißt Erörterung, zu einem Phänomen die eigene Meinung zu äußern. Meine Ausbildung aber lehrte mich, zu „erraten“, was der Aufgabensteller im Sinn hatte, und herauszufinden, was für einen Aufsatz er oder sie von mir lesen wollte.

Das erinnert mich daran, wie in China Fälle verhandelt werden. Der grundlegende Unterschied zwischen einer chinesischen Polizeiwache und einer Polizeiwache in einem westlichen Industrieland liegt in ihren Grundsätzen. In westlichen Ländern gilt ein gefasster Verdächtiger üblicherweise zunächst als unschuldig; dann muss eine Kette von Beweisen gefunden werden, die seine oder ihre Schuld belegt, und findet man innerhalb von 48 oder 72 Stunden keine Beweise für eine Anklage, muss man ihn oder sie laufen lassen. In China ist man, wie es scheint, nach der Festnahme nicht besonders höflich: erst einmal eine ordentliche Tracht Prügel, also zunächst die Annahme der Schuld. Dann wird man irgendwo angekettet, der Vorgesetzte setzt sich oben zurecht, umfasst seine Teetasse, räuspert sich und fragt: „Kennst du unsere Politik?“

„Ja. Milde für die, die gestehen, Härte für die, die sich widersetzen.“

„Gut. Weißt du, was du Schlimmes getan hast?“

Und dann versucht der Angekettete, genau so, wie wir zu erraten versuchten, was der Prüfer von uns lesen wollte, aus jeder Bewegung, jedem Gesichtsausdruck und jedem Wort des Vorgesetzten herauszulesen, was dieser ihn oder sie eigentlich gestehen lassen will.

Ich bin wohl ziemlich abgeschweift. Jedenfalls wollte ich nur sagen, dass das akademische Aufsatzschreiben in unserem Land in gewissem Maße absurd ist, weshalb ich eine gewisse Abneigung dagegen habe.

Jetzt sollte ich zur Sache kommen. Ich weiß nicht, welcher Draht heute bei mir falsch verbunden ist, aber ich möchte über die Frage des Materialismus sprechen. Neulich ging ich die Straße entlang, als über meinem Kopf plötzlich eine Glühbirne aufleuchtete. Im Gehen und Nachdenken entdeckte ich, dass das chinesische Volk eine solide ideologische Grundlage für den Materialismus besitzt. Materialismus heißt, die Grundlage der Welt in der Materie zu sehen (ich weiß, dass ich in Politik an der Oberschule schlecht war, also bitte keine Korrekturen an diesem Satz). Ich verstehe es so: Materialisten wollen nur beweisen, dass der Mensch wie viele andere Dinge auf der Welt aus Dingen hervorgegangen ist. Meine Großmutter beschimpfte mich oft mit dem Satz: „Du bist wirklich kein Ding.“ (真真不是个东西, eine gängige chinesische Beschimpfung, etwa „du Taugenichts“; wörtlich: „du bist kein Ding“.) Wenn ich heute darüber nachdenke, ist das ungefähr dasselbe, wie wenn die Europäer im Mittelalter jemanden einen „Ketzer“ nannten. Im Folgenden erkläre ich es genauer. Materialisten glauben, dass alles auf der Welt aus der Materie stammt und dass das Denken, die Kultur und so weiter Nebenprodukte sind, die entstanden, nachdem der Mensch aus Dingen hervorgegangen war; das Wesen des Menschen ist ein Ding. Deshalb werden Menschen, die an den Materialismus glauben, auch immer dinghafter. Ich zum Beispiel bin ein überzeugter Materialist; ich glaube, das Wesen des Menschen ist ein Haufen Protoplasma, der an Knochen hängt. Nach dem Satz, mit dem mich meine Großmutter beschimpfte, habe ich sie einmal gefragt. Sie sagte: Wenn man dich „kein Ding“ schimpft, schimpft man dich „kein Mensch“. Natürlich klingt so eine Beschimpfung sehr gebildet, ungefähr so gebildet wie „deine Frau Mutter“ (eine vornehme Fassung des häufigsten chinesischen Fluchs). Das heißt: In der Weltanschauung meiner Großmutter ist der Mensch ein Ding, und wer leugnet, ein Ding zu sein, leugnet, ein Mensch zu sein. Und als ich sie fragte, seit wann man so schimpft, sagte mir meine Großmutter, das habe schon bei den Vorfahren meiner Vorfahren angefangen. Darum kann ich voller Stolz sagen: Seit den Vorfahren meiner Vorfahren gibt es in China Materialisten. Das ist wer weiß wie viel früher als „Das Kapital“ von Herrn Marx. Und zufällig war dieser unbekannte Materialist ausgerechnet ein Vorfahre meiner Vorfahren. Yeah! ~~ Außerdem schimpften vor wer weiß wie vielen Jahren schon ziemlich viele Leute so; anscheinend schimpfte ganz Nanjing auf diese Weise. Das heißt: Die erste Gemeinschaft, die an den Materialismus glaubte, wurde wer weiß wie viele Jahre vor der Kommunistischen Partei Russlands im großen roten China geboren.

An dieser Stelle fällt mir nichts mehr ein. Wenn ich mir den Text so ansehe: Der Aufbau ist ein einziges Durcheinander, die Gattung ist gar nichts, die Redewendungen, die ich verwendet habe, kann man an einer Hand abzählen, und worüber ich eigentlich geschrieben habe, weiß ich selbst nicht.

Jedenfalls habe ich seit einem Jahr nichts mehr auf Chinesisch geschrieben. Nur eine Übung, damit ich es nicht verlerne.

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